13.09.2017 | Coaching

Angst vor dem Abstieg

Angst vor dem Abstieg (in Anlehnung an Remo Largo)

Viele Menschen haben Angst, im Laufe ihres Lebens feststellen zu müssen, dass sie gar nicht ihr eigenes Leben leben, sondern dass sie nur die Erwartungen anderer erfüllen wollten bzw. aktuell erfüllen.

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Aus vielen Gesprächen mit ArbeitnehmerInnen, aber auch mit Führungskräften sowie UnternehmerInnen kann ich das bestätigen. Wir reden immer von Freiheit, von beruflicher wie finanzieller (materieller) Freiheit, leben in Wahrheit jedoch „ein Leben in einem goldenen Gefängnis und sind weitgehend fremdbestimmt, was insbesondere Männer verinnerlicht haben (nach F. Dürrenmatt)“. Wir sind dabei Zwängen unterworfen, die ein selbstbestimmtes Leben in Wahrheit gar nicht erlauben. Dies gilt sowohl für das Arbeitsleben, als auch für das Privatleben, wobei das Arbeitsleben das Privatleben extrem stark steuert bzw. beeinflusst.

Dabei scheinen Männer nicht mehr die Kraft zu haben, ihr eigenes Leben zu hinterfragen,
wie z. B. ein Leben zu führen, in dem der Mensch seine individuellen Bedürfnisse und seine
ganz eigenen Kompetenzen anwenden kann, ohne dauerhaft überfordert oder unterfordert
zu sein. Das gelingt leider immer weniger Menschen.

Viele scheitern an dieser Herausforderung und sind unglücklich mit ihrem Dasein, weil viele
von ihnen unter existenziellen Ängsten leiden und emotional sowie sozial extrem verunsichert
sind. Viele Erwachsene erwecken den Eindruck, als gingen sie wie betäubt durch die Welt.
Sie leben, sie funktionieren, aber sie spüren kaum Freude am eigenen Dasein. Sie wissen, dass sie sich auf einem hohen Sozial- und Wohlstandsniveau bewegen, aber sie haben Angst vor dem Abstieg. Warum? Weil wir zu wenig nach unseren Grundbedürfnissen leben, wie körperliche Integrität, echter Geborgenheit, soziale Anerkennung, Selbstentfaltung, Leistung und existenzielle Sicherheit. Sie machen den Sinn des Lebens aus, weshalb unser physisches und psychisches Wohlbefinden davon abhängt, ob wir diese Grundbedürfnisse ausreichend befriedigen können.

Beispielhaft sei erwähnt, dass Menschen viele Jahre daran arbeiten, sich Fähigkeiten anzueignen, die sie irgendwann auch selbstbestimmt einsetzen wollen. Das verschafft Befriedigung und ist gut für den Menschen selbst und auch für die Gemeinschaft sowie die Firmen. Doch das ist heute, bei den effizient gestalteten Arbeitsabläufen (IT-bestimmte Arbeitsabläufe), sehr schwer bis unmöglich. Viele führen in ihrem Berufsleben nur noch Aufträge aus, bei denen ihnen exakt vorgeschrieben wird, was wann und auf welche Art zu erledigen ist. Da ist kein Platz mehr für kreatives Arbeiten und Individualität. Es müssen quasi immer Checklisten abgearbeitet werden, auf deren Inhalt der/die Arbeitnehmer/in keinen Einfluss hat. Dies ist so, weil die Arbeitswelt auf maximale Effizienz getrimmt ist, wobei für den individuellen Menschen kein Platz mehr ist. Seine individuellen Bedürfnisse geraten völlig aus dem Blick. ArbeitnehmerInnen erkennen doch gar nicht mehr ihren Anteil am Gelingen des großen Ganzen. Da bleibt dann auch die soziale Anerkennung sowie die persönliche Wertschätzung völlig auf der Strecke. Dabei brauchen wir den Umgang mit Menschen, denen wir wirklich vertrauen, um uns so zu entfalten wie wir wirklich sind und um gerne Höchstleistungen zu erbringen.

Wir brauchen eine friedliche Revolution, weil unsere Gesellschaft und Wirtschaftsform an ein Ende kommen. Es wird durch technischen Fortschritt in Verbindung mit Rationalisierung (Industrie 4.0, aber auch IT-systeme in der Verwaltung [Buchhaltung]) immer weniger Arbeit für die Menschen geben. Diejenigen, die noch Arbeit haben, werden häufiger krank sein (Burnout, Depressionen etc.). Wir müssen die Gesellschaft darauf anders vorbereiten als wir es aktuell tun, z. B. durch Lebens- und Arbeitsgemeinschaften, in denen die Menschen miteinander vertraut sind und sie sich freier entfalten können, als dass es heute der Fall ist und in dem die Wertschätzung hochgehalten wird. Die IT-Technik bietet uns bereits heute viele Möglichkeiten einer individuellen Arbeitsform, vor allemauch von Zuhause aus. Diese gilt es aktiver zu nutzen und einzusetzen. Als Nebeneffekt entsteht so weniger Autoverkehr, was noch die Umwelt enorm entlastet. Es gibt viel zu tun, machen wir es doch!

#Gesellschaft#Wirtschaftsform#Freiheit
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Lorenz H. Becker
Autor
Dr. Lorenz H. Becker
B&B ConTrade Ltd.
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