22.05.2017 | Unternehmensnachfolge

Familieninterne Unternehmensnachfolge mit über 75

Familieninterne Unternehmensnachfolge mit über 75 – Ein unkalkulierbares Risiko?

Nach mehrmaliger Ankündigung bereitet Günther Fielmann seine familieninterne Unternehmensnachfolge vor. Bis 2020 wird der Brillenkönig die Geschicke seines Unternehmens in die Hände seines 27jährigen Sohnes Mark legen. Wahrscheinlich endgültig. Denn trotz mehrfach anderslautender Ankündigungen gibt der Senior die Zügel nicht so schnell aus der Hand: Der heute 77jährige möchte sein börsennotiertes Unternehmen mit mehr als 17.000 Mitarbeitern immerhin weitere drei Jahre leiten. Warum ist diese Form der späten Führungsnachfolge kein Vorbild für Familienunternehmer? Wir beleuchten die größten Risiken.

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Bildquelle: © K.E.R.N – Die Nachfolgespezialisten

Aus vier wesentlichen Gründen ist das Modell Fielmann nicht als Blaupause für das durchschnittliche deutsche Familienunternehmen mit bis zu 100 Mitarbeitern geeignet:

1. Steigendes Risiko einer ungeregelten Nachfolge: Ein 77jähriger Unternehmer kann sich nicht von altersbedingten Risiken freimachen. Mangels zweiter Führungsebene wäre das Modell Fielmann
für die meisten Familienunternehmen in einer Notlage existenzbedrohend.

2. Familieninterne Nachfolge wird mit zunehmendem Alter unwahrscheinlicher: Ein Altersunterschied von 50 Jahren zwischen Senioren und Junioren trifft in den wenigsten Unternehmerfamilien zu. Nach ihrer Ausbildung orientieren sich viele Unternehmerkinder beruflich heute außerhalb des Familienunternehmens. Mit zunehmendem Alter entscheiden sich viele Junioren dann gegen die Übernahme von Verantwortung im familieneigenen Unternehmen.

3. Vermögensübergang ist bereits erfolgt: Laut Geschäftsbericht hält Günther Fielmann noch knapp sechs Prozent der Aktien. Eine familieneigene Holding und die Kinder halten heute bereits die Mehrheit der Firmenanteile. Inhabergeführte Mittelständler bündeln dagegen oft den Großteil des Familienvermögens über die Gesellschafter. Ein Vermögensübergang findet oft parallel oder nach dem Übergang der operativen Verantwortung statt. Somit kann ein ungeregelter Vermögensübergang nicht nur die Existenz des Familienunternehmens sondern auch das Familienvermögen gefährden.

4. Fremdmanagement nicht immer eine Alternative: Aufgrund der Größe von Fielmann würde sich die Einschaltung einer familienfremden Geschäftsführung empfehlen. Allerdings sind mehr als 90 % aller deutschen Familienunternehmen zu klein oder haben keine zweite Führungsebene. Gerade für diese Firmen ist der Einsatz von Fremdmanagern risikoreich und teuer oder nicht praktikabel.

Doch was ist zu tun? Laut statistischem Bundesamt werden 1960 geborene Männer 76 Jahre und Frauen 83 Jahre alt. Diese heute 57jährigen Firmeninhaber haben statistisch noch zwischen 19 und 26 Jahren Zeit, den Generationswechsel in ihrem Unternehmen geordnet zu organisieren. Dieser Zeitraum verkürzt sich deutlich, falls der Unternehmer seinen Ruhestand außerhalb seines Unternehmens plant.

Drei praktische Hinweise helfen, eine familieninternene Unternehmensnachfolge vorzubereiten:

1. Notfallkoffer packen
Zu den wichtigsten – allerdings am meisten vernachlässigten – Vorsorgeinstrumenten für Firmeninhaber gehört der Notfallkoffer. Denn rund 70% aller Unternehmer haben keine oder nur eine unzureichende Notfallvorsorge. Dabei regelt eine sorgfältig gepflegte unternehmerische Notfallakte die wesentlichen geschäftlichen und persönlichen Nachfolgethemen.

2. Zeitplan für Führungs- und Vermögensnachfolge festlegen
In der Praxis hat es sich als gut erwiesen, den Übergang der Führung und den Vermögensübergang separat zu planen. Im Zuge der Erarbeitung der testamentarischen Regelungen beantworten sich auch die 3Ws des Generationswechsels: Was soll Wann an Wen übergeben werden? In diesem Zusammenhang bietet sich auch die Erarbeitung einer Unternehmensbewertung an, um den Wert der Firma an der Erbmasse zu beziffern.

Da sich viele Unternehmerkinder mittlerweile gegen einen familieninternen Generationswechsel entscheiden, sind viele familiengeführte Firmen bereits heute von einem Unternehmermangel
bedroht.

3. Einsatz von Fremdmanagement prüfen
Soll das Unternehmen in Familienhand bleiben, ist oft ein Fremdmanager gefordert. Dies gilt insbesondere dann, wenn es wie im Fall der Firma Fielmann noch sehr junge familieninterne Nachfolger gibt. In diesem Fall könnte ein erfahrener Fremdmanager dem Junior mit seinem Know-how zur Seite stehen und dem Unternehmen zusätzlich wertvolle Impulse von außen geben. Die Suche und Einarbeitung eines solchen familienfremden Geschäftsführers erfordert eine sorgfältige Planung und dauert üblicherweise mehrere Monate.

Wann ist ein Unternehmensverkauf ratsam?

Kommt weder ein familieninterner Generationswechsel noch der Einsatz eines Fremdmanagers in Frage ist ein Unternehmensverkauf eine weitere Alternative. Unsere tägliche Beratungspraxis und unterschiedliche Studien zeigen: Je später ein Firmenverkauf geplant ist, desto schwieriger wird ein erfolgreicher Stabwechsel. Die Ursachen dafür liegen oft in nachlassender Innovationskraft kombiniert mit einem zunehmenden Investitionsstau.

Aus diesem Grund zahlt sich eine frühzeitige und gründliche Vorbereitung des Firmenverkaufs in wirtschaftlich guten Zeiten aus. Die Begleitung des (familieninternen) Stabwechsels durch transaktionserfahrene Spezialisten ist meist eine Investition mit hoher Rendite. Dank ihrer Erfahrung steuern diese den Prozess zielorientiert und erkennen frühzeitig mögliche Konflikte innerhalb und außerhalb der Familie. Damit verringern sie den zeitlichen und finanziellen Aufwand des Prozesses und ersparen den beteiligten Parteien emotionalen Stress.

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Ingo Claus
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Ingo Claus
K.E.R.N - Die Nachfolgespezialisten
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