15.02.2018 | Unternehmensnachfolge

Unternehmensnachfolge – gerade noch die Kurve gekriegt

Ein Erfahrungsbericht aus der Praxis

Eine Unternehmensnachfolge eröffnet immer mehrere Gestaltungsmöglichkeiten. Im folgenden Fall eines rentablen Handwerksbetriebes hatte man mit einer zu frühen Richtungsentscheidung den Totalverlust riskiert. Hier war Glück im Spiel: Nach einem Zeitverlust von zwei Jahren konnte eine gute Lösung eingeleitet werden.

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Gesellschafter und Geschäftsführer wollen sich schon seit längerem altersbedingt zurückziehen. Die GmbH innerhalb eines Firmenverbundes sollte zeitgleich verkauft werden. Der Kaufpreis wurde schon seit längerem aus Vergangenheitszahlen nach Ertrags- und Substanzwert finanzmathematisch berechnet – wie das in diesen Fällen üblich ist. Er hat sich seither im Kopf der Unternehmerfamilie festgesetzt. Es wurde seinerzeit ein Makler beauftragt, einen geeigneten Käufer zu finden. Ohne Ergebnis bisher. Die biologische Uhr der handelnden Personen tickt weiter. Die Mitarbeiter werden unruhig.

Die Seniorchefin und Leitung der zentralen Buchhaltung hatte mich am Telefon eigentlich nur wegen einer Detailfrage kontaktiert. Sichtlich mitgenommen von der erfolglosen Investorensuche informiert sie wie folgt:

Zwei ihrer Söhne sind selbst Unternehmer in eigenen Firmen, zwei weitere Kinder haben sich anderweitig orientiert. Sie hatten im Familienrat deutlich gemacht, dass der tätige Einstieg in den betreffenden Betrieb für sie nicht in Frage käme. Daher der frühzeitige Entschluss zu verkaufen.

Ein Käufer ließ sich nicht finden, weil man praktisch ein „Double“ des bisherigen Geschäftsführers vor Augen hatte, der „nur noch“ Geld bringen muss (in Rede steht eine Kaufpreisvorstellung von immerhin 2 Mio. EUR). Diese Doppelbedingung ließ die Trefferwahrscheinlichkeit gegen Null sinken.

Weil die Lebenskraft der beiden handelnden Personen nun spürbar nachlassen, hat man sich kürzlich entschlossen, die Geschäfte extern leiten zu lassen. Das Bewerbungsverfahren läuft.

Fast zeitgleich präsentiert jetzt der Makler einen strategischen Investor, dem Renditeerwägungen wichtig sind und natürlich auch die straffe Führung aus der Distanz. Wichtige Kaufbedingung ist eine jüngere, leistungsfähige Führungskraft. Dem gegenüber ist der Verkäuferseite - neben der Erfüllung ihrer Kaufpreisvorstellung - auch eine bodenständige Lösung wichtig, da man sich dem Personal gegenüber verpflichtet fühlt.
Die Seniorchefin hat aus unseren Gesprächen drei späte Erkenntnisse festgehalten:

  1. Die Möglichkeit, die Kapitalanteile im Familienbesitz zu erhalten kann neu gedacht werden, wenn der Familienverbund die zwei Unternehmer-Welten, die Vermögens- und Unternehmenswelt gedanklich trennt. Schließlich ist es ist ein reizvoller Gedanke, lediglich Kapitalanteile zu verwalten, ohne in die tätige Leitung einzusteigen. Denn Substanzvermögen ist heute vielen attraktiver als Geldvermögen.

  2. Der Unternehmenswert kann nur erhalten werden, wenn das Unternehmen auch nach Ausscheiden der aktuellen Persönlichkeiten fortgeführt werden kann. Nachwuchskräfte auf den Weg zu bringen oder rechtzeitig Kompetenz von außen zu beschaffen, hat daher erste Priorität. Für manch einen ist der zeitige Abschied aus dem Tagesgeschäft allerdings eine persönliche Herausforderung.

  3. Die Kundenbeziehungen sind zukunftsentscheidend. In der Vergangenheit waren die über Jahre gewachsenen Kontakte ja an Personen geknüpft, selbstverständlich und „nicht der Rede wert“. Man hatte nämlich aus Kostengründen bisher lediglich einen Betriebsleiter gesucht und bei einem ersten Vorstellungsgespräch diese wichtige Aufgabe gar nicht angesprochen.

Wir haben das Nachfolgeprojekt neu konzipiert und die relevanten Frage- und Aufgabenstellungen herausgearbeitet. Sie werden jetzt gemeinsam umgesetzt werden:

  • Reflexion des Nachfolgeprozesses: Wer ist betroffen oder beteiligt? In welchen Rollen mit welchen Aufgaben sind sie unterwegs? Welche Einflüsse und Grenzen haben sie in den Kraftfeldern des internen und externen Unternehmenssystems? Welche Entscheidungen und Neujustierungen sind erforderlich? Hier sind neben rationalen Überlegungen auch Systemaufstellungen hilfreich, weil das Beziehungsgefüge erlebbar wird.

  • Begleitung der neuen Führungskraft in der Einarbeitungsphase. Wie ist die Einarbeitung zu organisieren? Wichtig ist auch die emotionale Ebene: Wie kommt der Neue in seine Rolle? Denn durch den Austausch von Personen ändern sich Loyalitäten. Machtverhältnisse verschieben sich.

  • Um die Interessen der Eigentümersphäre zu wahren, ist das Unternehmen künftig verstärkt mit Zahlen und Zielen zu führen. Planungs- und Controlling-Systeme sind entsprechend zu aktualisieren und in den Köpfen der Mitarbeiter zu verankern. Der positive Nebeneffekt: Die Kaufpreisvorstellung wird mit der künftigen Ertragskraft verifiziert.

  • Es gilt, das Potenzial der Leistungsträger unter neuen Konstellationen zu erhalten. Die gezielte Weiterentwicklung des Personals in fachlicher wie auch persönlicher Hinsicht ist neu zu denken. Es gilt Frust oder gar ungeplante Kündigungen zu vermeiden.

  • Moderation von Gesprächen im Kreis der Unternehmerfamilien: Es gilt, die Firmeninhaber der nachfolgenden Generation zu befähigen, ihre Kapitalanteile kompetent zu verwalten. Vielleicht sind Beiratslösungen angemessen.

  • Erarbeitung von Synergien mit übrigen Unternehmen der Gruppe. Hierfür sind Strategiegespräche mit den unternehmerisch aktiven Söhnen geplant.

  • Professionelle Gesprächsführung mit dem Investor, verbunden mit neuer Qualität der vorbereiteten Unterlagen – wenn der Verkauf weiterhin gewünscht wird.

Wir lernen hieraus: Ein Unternehmen kann nicht wie ein Auto verkauft werden. Unternehmensnachfolgen sind immer komplexe Projekte, weil in Organisationen neben Zahlen-Daten-Fakten auch Beziehungen, Dynamiken sowie Eigeninteressen eine Rolle spielen und vielfach gesellschafts-, erb- und familienrechtliche Tatbestände ineinander greifen. Befindlichkeiten und feste Standpunkte spielen eine Rolle.

Nachfolgelösungen bedürfen daher der professionellen Konzeption von Anfang an. Ganz neue Wahrnehmungs- und Gestaltungsmethoden, wie z.B. Organisations- bzw. Systemaufstellungen, ergänzen die Traditionellen. Sie helfen Ihnen, geschäftliche und persönliche Konstellationen zu durchblicken und aus allen Lösungsmöglichkeiten das Optimum zu gewinnen.

Wenn Sie sich für die Begleitung eines externen, fachkundigen und zugleich systemisch orientierten Experten entschließen, vermeiden Sie Um- oder Irrwege und bleiben auf Kurs. Denn Zeitverlust kann Totalschaden bedeuten.

#Unternehmensnachfolge#Nachfolge#Generationsübergang#Familienunternehmen
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Ulrich Bretschneider
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Ulrich Bretschneider
Ulrich Bretschneider Unternehmer-Beratung
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