29.11.2017 | Unternehmensübernahmen/Mergers & Acquisitions

Warum scheiterte Jamaika?

Eine Betrachtung aus M+A-Verhandlungssicht

Ob privat oder geschäftlich, wir befinden uns ständig in Verhandlungssituationen. Manchmal ohne sich dessen bewusst zu sein. Als Mergers and Acquisitions (M+A) -Verantwortlicher verhandelt man regelmäßig Letter of Intents, Kauf- oder Kooperationsverträge. Selten hat man Einblick in Verhandlungen anderer. Doch in den letzten Wochen hatten wir alle die Möglichkeit, einen Blick auf sehr prominente Verhandlungen zu werfen – die Jamaika Sondierungen zwischen CDU/CSU, FDP und Grünen.

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Das Scheitern der Jamaika Verhandlungen ist mit vielen Emotionen auf allen Seiten verbunden und geprägt von parteipolitischen und auch wahltaktischen Überlegungen. Die zahlreichen Talkshows mit den beteiligten Parteien zeigen, dass eine nüchterne Aufarbeitung durch die Parteien momentan schwer möglich ist. Deshalb soll im Folgenden versucht werden, die wesentlichen Ursachen des Scheiterns der Jamaika Sondierungen aus der Sicht eines M&A-Verhandlers zu beleuchten.

Besonderheiten politischer Verhandlungen (Sondierungen und Koalitionsverhandlungen)

Politische Verhandlungen genießen im Gegensatz zu M&A-Verhandlungen die besondere Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Es ist schwierig, Verschwiegenheit zu wahren, auch weil man sich dabei gerne dem Vorwurf aussetzt, in Hinterzimmern über die Interessen der Bürger hinweg zu entscheiden. Oft wird die Öffentlichkeit bewusst genutzt, um Pflöcke einzuschlagen, die eigene Partei zufrieden zu stellen oder den Verhandlungspartner unter Druck zu setzen. Das Wertesystem und damit die übergeordneten Ziele der Verhandler sind oft sehr unterschiedlich. Der Wettbewerb der Parteien besteht gerade darin, unterschiedliche Werte zu vertreten und diese vor allem im Wahlkampf deutlich zu machen. Die Verhandlungspositionen der Parteien sind durch den Wahlkampf schon vor den Verhandlungen weitgehend bekannt. Analog zu M&A-Verhandlungen gibt es in der Regel außerhalb des Verhandlungsteams eine Entscheidungsinstanz. Im Falle politischer Verhandlungen ist dies mit dem Parteitag oder den Parteimitgliedern eine deutlich unberechenbarere Instanz als bei M&A-Verhandlungen die Geschäftsleitung oder der Vorstand.

Besonderheiten der Jamaika Sondierungen

In den Jamaika Sondierungen trafen Parteien aufeinander, die vollkommen verschiedene Grundwerte vertreten. Stehen die Grünen in dem Ruf, für eine stärkere Rolle des Staates einzutreten, so ist bei der FDP die Freiheit des Einzelnen schon im Parteinamen verankert. In Bezug auf das aktuelle Thema Flüchtlinge vertraten die CSU und die Grünen seit Monaten unterschiedliche Positionen und stellten diese im Wahlkampf klar heraus. In M&A-Verhandlungen trifft man derart fundamentale Unterschiede des Wertesystems gewöhnlich nicht an. In aller Regel sind die Verhandlungspartner letztlich monetär motiviert. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik waren 4 Parteien an den Sondierungen beteiligt. Die FDP hat nach der letzten Koalition mit der CDU 2013 den Wiedereinzug in den Bundestag verpasst. Eine Tatsache, die fest im kollektiven Gedächtnis der Partei verankert ist. Durch die erstmals in den Bundestag eingezogene AFD scheuen die Parteien Neuwahlen, da diese vor allem zwei Risiken bergen. Zum einen könnte es die AFD weiter stärken, was keiner will. Zum anderen ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich an den Mehrheitsverhältnissen nicht viel ändert und man sich damit faktisch in der gleichen Patt-Situation zwischen den beiden großen politischen Lagern befindet wie vorher.

Gründe des Scheiterns der Sondierungen

a. Keine übergeordnete Vision
Nicht wenige empfanden bei den Sondierungen unter Beteiligung von FDP und Grünen, dass etwas zusammenwachsen sollte, was nicht zusammengehört. Der Einwand war durch die stark unterschiedlichen Wertesysteme der Parteien nicht gänzlich unbegründet. Vor diesem Hintergrund wäre es von zentraler Bedeutung gewesen, eine gemeinsame Vision, Werte und Ziele der Koalition zu erarbeiten. Stattdessen ist man nach der Formulierung einer nichtssagenden Präambel schnell in das Klein-Klein der Detailthemen eingetaucht. Eine klar formulierte Vision ist für die gesamten Verhandlungen Kompass und bildet den Rahmen, innerhalb dessen alle Sachthemen gelöst werden können. Dieser Rahmen hätte unter Leitung der Kanzlerin gemeinsam mit den Parteispitzen der anderen Sondierungsparteien im kleinen Kreis erarbeitet werden können. Da dies nicht geschah, gingen die Verhandlungspartner praktisch orientierungslos ohne eine gemeinsame Idee in die Verhandlungen der Detailthemen und verrannten sich zusehends. Die übergeordnete politische Vision lässt sich am besten mit der gemeinsamen langfristigen Strategie zweier möglicher Partner eines Gemeinschaftsunternehmens vergleichen. Fehlt diese gemeinsame Vision der Zukunft bei Verhandlung eines Gemeinschaftsunternehmens, ist die Kooperation ebenfalls in den seltensten Fällen erfolgreich.

b. Große Differenzen in den Grundwerten der Parteien
Am deutlichsten wurden die grundlegenden Differenzen neben Umwelt, Energie und Verkehr beim Thema Flüchtlinge. Schnell drehte sich eine mögliche Einigung nur noch um die Zahl der subsidiär Nachzugsberechtigen mit allen begrifflichen Unsauberkeiten und unterschiedlichen Zahlen. Aus M&A-Verhandlungssicht hat man versäumt, das Thema Familiennachzug breiter zu diskutieren und nicht auf eine Zahl zu reduzieren. Umso mehr Variablen bzw. Alternativen in die Verhandlung einbezogen werden, umso wahrscheinlicher ist es, dass sich Verhandlungen nicht festfahren. Bei Themen mit so fundamental unterschiedlichen Positionen ist es wichtig, nicht nur die jeweilige Position der Gegenseite zu verstehen, sondern vor allem die dahinterliegenden Motive. „Was wollen Sie mit Ihrer Position erreichen?“, „Was sind Ihre Beweggründe?“. Mit diesen einfachen Fragen gelangt man von der Verhandlungsposition zur Motivation des Verhandlungspartners. Unter Berücksichtigung der wahren Motive und unter Einbeziehung weiterer Alternativen wäre es unter Umständen möglich gewesen, eine gemeinsame Vision für die Migrationspolitik zu entwickeln, bei der das Thema Familiennachzug vielleicht nur eines von vielen gewesen wäre.

c. Misstrauen
In manchen Medien wurde es als positiv gewertet, dass die Sondierungen schon so detailliert geführt wurden wie eigentlich nur Koalitionsverhandlungen. Dies war allerdings kein Zeichen einer schnellen Einigung oder einer positiven Gesprächsatmosphäre, sondern im Gegenteil der Beweis eines tiefen gegenseitigen Misstrauens der beteiligten Parteien. Nur wer dem anderen nicht vertraut, hat Bedarf, jeden Punkt möglichst detailliert zu klären. Zwei Parteien, die sich vertrauen, benötigen nur eine kurze Zeit zur Sondierung, in der die Vision und die Leitlinien festgelegt werden sowie die möglichen Kompromisse bei strittigen Themen sondiert werden. Danach wird der Koalitionsvertrag im notwendigen Detail verhandelt. Sondierungen vor Eintritt in Koalitionsverhandlungen entsprechen im M&A-Geschäft den Verhandlungen eines Letter of Intent vor Eintritt in Vertragsverhandlungen. Ein Letter of Intent sollte auf jeden Fall alle für die Verhandlungsparteien zentralen Punkte behandeln, er muss aber nicht jedes kleinste Detail klären.

d. Dokumentation der Verhandlungsergebnisse
Eher eine Frage der Verhandlungstechnik ist die saubere Dokumentation der Verhandlungsergebnisse. Dabei gibt es einfache Regeln:
1. Absolute Klarheit zwischen den Parteien über die erzielte Einigung herstellen
2. Einigung so konkret wie möglich formulieren
3. Ergebnisse in einem gemeinsamen Dokument festhalten
4. Einigungen nicht wieder zur Disposition stellen

Die Beobachtung von außen legt nahe, dass lediglich die 3. Regel beachtet wurde. Werden die ersten beiden Regeln verletzt, befördert dies regelmäßig eine Interpretation der Verhandlungsergebnisse im Sinne der jeweils eigenen Partei. Im sehr wahrscheinlichen Streitfall wähnt sich jede Partei im Recht. Werden getroffene Einigungen wieder zur Disposition gestellt, entwertet dies jede neue Einigung und führt zu tiefem Misstrauen.

Auch wenn die klare Dokumentation der Verhandlungsergebnisse wie eine Selbstverständlichkeit klingen mag, führt dieses Thema in der M&A-Verhandlungspraxis oft zu Missverständnissen, Ineffizienzen und Misstrauen.

Zusammenfassung

Die Parteien waren in den Sondierungen teilweise mit Herausforderungen konfrontiert, die bei M&A-Verhandlungen nicht in diesem Maße auftreten. Vor allem die frühzeitige Entwicklung einer gemeinsamen Vision hätte bei der Bewältigung der unzweifelhaft großen Herausforderungen sehr hilfreich sein können.
Letztlich sind die Ursachen des Scheiterns der Jamaika Sondierungen vielschichtig und in Ihrer Gänze wahrscheinlich nicht einmal von direkt Beteiligten zu benennen. Für das letztliche Scheitern von Jamaika war wohl in erster Linie das Fehlen dreier wesentlicher Komponenten verantwortlich: Eine gemeinsame Vision, gemeinsame Werte und gegenseitiges Vertrauen.

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Joachim Hahn
Autor
Joachim Hahn
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