30.05.2017 | Finanzierung/Rating

Welche alternativen Finanzierungsinstrumente gibt es neben dem Kredit?

Schwarmfinanzierung, Schuldscheine, private Darlehen: Mit alternativen Finanzierungen verschaffen sich Firmenchefs mehr Unabhängigkeit von der Hausbank und realisieren dennoch Vorteile beim Rating. Welche Formen sich für mittelständische Unternehmen anbieten.

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Auf den richtigen Mix setzen. Nicht nur auf einen Kapitalgeber vertrauen. Die Risiken streuen. So lauten die Empfehlungen von Unternehmensberatern, wenn es um die richtige Finanzierungsstrategie geht. Unterm Strich heißt das: Stehen Investitionen an, dürfen sich Firmenchefs nicht nur allein auf die Hausbanken verlassen, sondern sollten auch private Investoren und Anleger in ihre Überlegungen einbeziehen. Mit diesen Varianten können Unternehmer ihr Portfolio sinnvoll ergänzen:

Private Darlehen

Ehefrau, Kinder, Eltern oder Schwiegereltern – wohlhabende Familienmitglieder können dem Unternehmer ein kurz- oder langfristiges Darlehen geben. Er kann sich so ohne aufwendigen Businessplan und langwierige Verhandlungen die notwendige Liquidität oder einen finanziellen Spielraum verschaffen. Die Vereinbarungen über Zins- und Tilgung dürfen die Parteien frei festlegen, sodass sie flexibel an die zu erwartenden Rückflüsse der Investition angepasst werden können. Vorzugsweise vereinbart der Firmenchef einen niedrigeren Zins als bei einem klassischen Bankkredit. Der private Partner kassiert dennoch gute Erträge über dem Sparbuchzins, die er im besten Fall noch mit dem pauschalen Abgeltungssteuersatz von 25 Prozent versteuert. Bei entsprechender Vertragsgestaltung mit einer sogenannten Nachrangklausel rechnen die Banken diese Darlehen dem wirtschaftlichen Eigenkapital des Betriebs zu.
Interessant ist diese Finanzierungsquelle vor allem für mittelständische Familienunternehmer, beispielsweise Handwerksfirmen, Einzelhändler sowie auch Dienstleister. Anlass für ein solches Darlehen können kapitalintensive Vorhaben wie der Kauf oder die Übernahme eines weiteren Unternehmens, die Expansion sowie die Modernisierung der Geschäftsausstattung sein.
Stefan Rattay, Steuerberater der Beratungsgesellschaft WWS in Aachen, ist sich sicher: „Grundsätzlich können von Firmenkrediten, die private Investoren gewähren, alle Parteien profitieren. Die Finanzbehörden prüfen das Konstrukt allerdings sehr genau. Die Verträge müssen ernsthaft vereinbar und tatsächlich durchgeführt werden. So lautet die Vorgabe der Verwaltung. Andernfalls erkennt der Fiskus die Schriftstücke nicht an. Oberstes Gebot: Die Konditionen müssen sich an den am Markt üblichen Bedingungen orientieren. Alle wichtigen Aspekte wie Zinssatz, Tilgung oder Besicherung sowie die Kündigungsmodalitäten sind klar zu regeln.“

Genussrechte

Auch Kunden und Lieferanten sind interessante Geldquellen. Häufig wählen Firmenchefs hierfür das Modell der Genussrechte. Diese ähneln je nach Gestaltung einer stillen Beteiligung. Der Genussschein-Inhaber erhält eine jährliche Ausschüttung aus dem Bilanzgewinn und kann am Liquidationserlös beteiligt werden. Im Unterschied zur stillen Beteiligung hat diese Finanzierung den Charme, dass nicht nur einer oder wenige Kapitalgeber angesprochen werden – sondern mehrere. Bei einem Finanzierungsvolumen von bis zu 100.000 Euro im Jahr oder einer generellen Beschränkung auf 20 Anleger entfällt die sonst geforderte Prospektpflicht des Bafin. Die Renditeerwartungen der Investoren liegen in der Regel bei mindestens drei bis vier Prozent plus einer gewinnabhängigen Vergütung auf das eingesetzte Kapital in gleicher Höhe. Flexibilität ist garantiert: In schlechteren Jahren kann der Unternehmer weniger Zinsen zahlen und die Lücke in guten Zeiten wieder auffüllen.
Die Lösung kommt in Betracht, wenn der Unternehmer langfristig Kapital braucht. Mitunter wird sie von Banken sogar empfohlen. Denn die Genussrechte erhöhen das Eigenkapital. Die besten Karten haben Firmen, die ein enges Verhältnis zu ihren Stammkunden pflegen.
„Der Unternehmer kann sein Modell nach den eigenen Bedürfnissen gestalten, soweit er sich an die rechtlichen Vorgaben hält. Diese sind recht kompliziert. Deshalb ist es ratsam, einen erfahrenen Rechtsanwalt sowie einen qualifizierten Unternehmensberater in das Projekt einzubeziehen. Zudem ist es wichtig, dass potenzielle Interessenten umfassend über die Chancen und Risiken informiert werden“, sagt Gernot Meyer, Unternehmensberater in Penzberg.

Schuldscheindarlehen

Das Unternehmen erhält von Banken oder institutionellen Investoren ein Darlehen. Es handelt sich um langfristige Finanzierungen mit Laufzeiten zwischen drei und sieben Jahren. Als Beweisurkunde wird ein Schuldschein ausgestellt. Diese Finanzierung kann günstiger sein als eine klassische Kreditaufnahme bei der Hausbank. Das Volumen der Transaktionen liegt oft im Bereich zwischen 50 Millionen Euro und 150 Millionen Euro.
Entscheidend ist, dass der Kreditnehmer eine einwandfreie Bonität aufweist und eine hohe Reputation hat. Je besser die Kapitalgeber die Chancen und Risiken ihrer Investition einschätzen können, desto günstiger wird die Finanzierung.
„Die Darlehensgeber haben vor allem die Rendite im Blick. Im Gegensatz zur Hausbank ist ein Schuldscheininvestor primär an Zins und Rückzahlung interessiert. Schuldscheindarlehen können nur schwer frühzeitig getilgt werden. Die meisten Emittenten wählen diese als Beimischung und zur Diversifizierung der Finanzierungsquellen“, so Martin Keller, Leiter Product Management bei der Commerzbank.

Schwarmfinanzierung

Beim sogenannten Crowdinvesting sammelt der Unternehmer über Plattformen im Internet Geld von privaten Investoren. Oft wird das Modell eines partiarischen Nachrangdarlehens gewählt, mit variabler oder fester Verzinsung. Die Laufzeit beträgt zumeist bis zu sieben Jahre.
In erster Linie nutzen engagierte Gründer diese Finanzierungsform, zunehmend aber auch wachstumsorientierte kleine Mittelständler. Der Kapitalbedarf liegt in der Regel zwischen 100.000 Euro und 300.000 Euro. Doch für besonders attraktive Geschäftskonzepte werden auch schon mal Hunderttausende Euro oder sogar Millionen Euro via Internet gesammelt.
Steuerberater Rainer Schenk aus Schweinfurt gibt folgende Tipps: „Die Mitglieder der Community müssen motiviert und begeistert werden, ihr Geld anzulegen. Es entsteht eine wirtschaftliche Solidargemeinschaft aus Unternehmen und dem Schwarm. Das erfordert eine besondere Form der Zielgruppenansprache, die Unternehmensangaben müssen überzeugen. Auf der Plattform sollte das Geschäftsmodell daher in übersichtlicher und knapper Form dargestellt werden – verständlich auch für Laien. Es erscheint ratsam, parallel auf der eigenen Internetseite, in den einschlägigen Foren und in den sozialen Netzwerken zu werben. Das Geschäftsmodell und der Businessplan müssen zudem professionell konzipiert und rechtssicher gestaltet sein.“


Autor: Eva Neuthinger
Quelle: Erstveröffentlichung am 05.10.2016 auf
creditreform-magazin.de/2016/10/05/solvent/redaktion/kreativitaet-ist-gefragt/

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